Wenn Ikarus in die Küche fliegt
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Über die stille Würde, ein Kunstwerk in den Alltag zu holen — und was ein Matisse-Becher darüber verrät, wie wir heute mit Kultur umgehen
Es gibt Gegenstände, denen man ansieht, dass sie nicht nur einen Zweck erfüllen wollen. Der neue Becher von Tazzarte, der Henri Matisses Ikarus aus dem Künstlerbuch Jazz von 1947 trägt, gehört zu diesen Dingen. Man hält ihn in der Hand, und man spürt — bevor man überhaupt an den Kaffee denkt — dass hier jemand eine Entscheidung getroffen hat. Die Entscheidung nämlich, Kunst nicht im Museum zu lassen.
Matisse war siebenundsiebzig Jahre alt, als Jazz erschien. Die Augen ließen nach, der Körper verweigerte zunehmend den Dienst, doch der Geist wollte noch immer Form. So griff er zur Schere. Nicht zur Leinwand, nicht zum Pinsel — zur Schere. Aus farbig grundiertem Papier schnitt er Figuren, Tiere, akrobatische Körper, und darunter jenen ausgebreiteten schwarzen Umriss, den er Ikarus nannte. Kein Absturz, kein Schicksal — nur Ausbreitung. Nur das Begehren, den Raum zu füllen.
Dieser Ikarus ist kein tragischer Held. Er ist ein Zeichen. Blau der Hintergrund, gelb die Sterne, schwarz die Silhouette mit dem leuchtend roten Punkt dort, wo das Herz sitzt. Matisse brauchte keine erzählerische Geste. Er brauchte die Farbe. Und die Farbe genügte.
Was Tazzarte nun auf weißem Steinzeug reproduziert, ist nicht bloß ein dekoratives Motiv. Es ist eine Faksimile-Übertragung aus der MoMA-Ausgabe von 1960 — jener Sammlerausgabe, die dem Buch seine endgültige, kanonische Form gab. Und damit nicht genug: Dem Bild beigegeben ist Matisses eigene Handschrift, ein Satz, den er in Jazz notierte:
"Mes courbes ne sont pas folles. Le fil à plomb en déterminant la direction verticale forme avec son opposé l'horizontale."
Meine Kurven sind nicht verrückt. Das Lot, indem es die Senkrechte bestimmt, bildet mit seinem Gegenteil die Waagerechte. Ein Satz, der wie eine geometrische Meditation klingt und doch auf etwas Tieferes verweist: auf die Überzeugung, dass Form Vernunft ist, dass Schönheit kein Zufall ist, dass der scheinbar freie Schwung der Hand ein inneres Gleichgewicht hat.
Dieser Satz auf einem Becher. Jeden Morgen, neben dem Frühstück.
Man mag fragen, ob das nicht eine Banalisierung sei. Ob Matisse — der große alte Mann von Nizza, der in seinen letzten Jahren bettlägerig arbeitete und dennoch Farbe in den Raum schleudern konnte — auf Keramik gehört. Die Frage ist legitim. Aber sie stellt das Problem falsch.
Das Kunstwerk war nie exklusiv. Matisse selbst wollte eine Kunst, die wirkt wie ein bequemer Lehnstuhl — entspannend, befreiend, dem Körper und dem Geist gleichermaßen zuträglich. Er sagte das 1908, in seiner berühmten Notes d'un peintre, und er hat es sein Leben lang gemeint. Das Museum war für ihn nie das Ziel; das Museum war ein Aufbewahrungsort. Das eigentliche Leben der Kunst fand woanders statt.
Tazzarte versteht das. Das Unternehmen, das seine Becher in kleinen Auflagen lokal fertigt — in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, in Deutschland — hat sich einer Idee verschrieben, die im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit ihre eigene Pointe hat: dass das haptische Erlebnis, das Gewicht in der Hand, die Wärme durch die Wände der Tasse, dem Bild eine Dimension hinzufügt, die kein Bildschirm ersetzen kann.
Elf Unzen fasst der Becher. Spülmaschinenfest. Mikrowellentauglich. Das sind die Parameter, die man nennen muss, weil es ein Produkt ist. Aber es ist eben auch ein Gegenstand mit Gedächtnis. Mit dem Gedächtnis der Nachkriegszeit, als ein alter Franzose aus farbigem Papier Freude schnitt. Mit dem Gedächtnis einer Handschrift, die über achtzig Jahre hinweg noch immer lesbar ist. Und mit dem Gedächtnis jedes Morgens, an dem man diesen Becher in die Hand nimmt und kurz inne hält — nicht weil man muss, sondern weil man es kann.
Ikarus flog zu hoch, heißt es. Aber vielleicht flog er auch einfach. Vielleicht war das der Punkt.
Der Henri Matisse – Ikarus Becher ist erhältlich unter tazzarte.com. 11 oz weißes Steinzeug, 27,99 USD. Versand in 18 Länder weltweit, kostenloser Versand in die USA, nach Deutschland, Österreich, Großbritannien, Kanada und Australien.